Die japanische Kartellbehörde Japan Fair Trade Commission (JFTC) veröffentlichte vor Kurzem einen Untersuchungsbericht über die Transaktions- und Vertragsprobleme in der Anime-Branche. Wir fassen nachfolgend zusammen.
Staatliche Eingriffe gefordert
Zwar sind die strukturellen und arbeitsrechtlichen Probleme der Anime-Branche schon seit Jahren bekannt, doch der Bericht macht deutlich, dass staatliche Maßnahmen erforderlich sind, um mutmaßlich illegale Praktiken bei Vertragsabschlüssen, im Produktionsprozess und bei der Vergütung wirksam zu unterbinden.
So wurden in allen Transaktionsstufen Probleme hinsichtlich unzureichender oder verspäteter Offenlegung von Vertragsbedingungen sowie zu niedrigen Vergütungen erkannt. Außerdem nannte die Behörde Fälle des Machtmissbrauchs gegenüber Subunternehmern und Freiberuflern, bei denen Letztere kaum oder gar keine Möglichkeit hatten, über die Vertragsbedingungen zu verhandeln.
Nach Einschätzung der JFTC erfüllen zahlreiche dieser Fälle den Tatbestand des »Abuse of Superior Bargaining Position«, bei dem wirtschaftlich überlegene Auftraggeber ihre stärkere Verhandlungsposition zum Nachteil schwächerer Vertragspartner ausspielen.
Die Befragung unter 417 Unternehmen (davon 130 verwertbare Antworten) und mehr als 1.900 Freiberuflern (165 ausführliche Rückmeldungen) zeigt: 89,4 % der Regisseure und andere festangestellte Beschäftigte sowie 52,1 % der Animatoren sind mit ihrer Vergütung unzufrieden. Gründe sind verspätete oder gekürzte Zahlungen sowie fehlende Bezahlung bei Nacharbeiten oder längeren Produktionszeiten.
Die Untersuchung erstreckte sich über das gesamte Jahr 2025 und wurde durch qualitative Anhörungen mit 75 Unternehmen und Kreativschaffenden ergänzt. Zusätzlich gingen 219 Meldungen über ein Online-Meldeformular ein.

Auch Studios betroffen
Dabei wurde festgestellt, dass auch Produktionsfirmen häufig betroffen sind: 45,3 % der führenden Anime-Studios erhielten im letzten Jahr mindestens einmal erst nach Beginn der Arbeit einen Vertrag – in manchen Fällen sogar erst nach Fertigstellung. Lediglich 15,1 % hatten zum Auftragsstart eine vertragliche Grundlage.
Nach Einschätzung der JFTC dürfte dieses Vorgehen gegen das »Subcontract Act« verstoßen, da dieses Gesetz verlangt, dass Vertragsbedingungen unverzüglich schriftlich festgehalten werden.
Darüber hinaus griff der Bericht auch die große Diskrepanz zwischen der steigenden Marktnachfrage und der Insolvenz vieler Anime-Studios auf. Denn auch wenn Anime boomen, sickern die Gewinne nicht bis zu den Studios durch – im Gegenteil, aufgrund der zunehmenden Produktionskosten gaben rund 60 % der Studios an, mehr Geld für die Produktion eines Anime auszugeben, als sie mit diesem verdienen.
Laut den Studios lassen sich die Probleme vor allem auf drei Faktoren zurückführen: die allgemeine Inflation, stetig wachsende Qualitätsanforderungen und ungeplante Verlängerungen der Produktionszeiten, die bei Anime-Serien häufig auftreten.
Verzögert sich der Zeitplan, laufen Mieten und Gehälter weiter, ohne dass zusätzliche Gelder von den Investoren fließen.
Neben dieser finanziellen Belastung stellen auch Nacharbeiten, etwa zur Anpassung des Zeichenstils, ein gravierendes Problem dar, von dem 83 % der großen Studios betroffen sind. Während 13,6 % für diese Zusatzleistungen vollständig vergütet werden, erklärten 22,7 %, dafür keinerlei Bezahlung zu erhalten.
Die JFTC stuft auch diese Praxis als potenziell rechtswidrig ein. Häufig würden Investoren subjektive Änderungswünsche als »Fehlerkorrekturen« deklarieren, um zusätzliche Vergütungen zu vermeiden.

Unbezahlte Rechteübertragung
Der Bericht thematisiert daneben auch die Problematik der Urheberrechte: 84,9 % der Anime-Studios übertragen nach Abschluss der Produktion sämtliche Rechte an die Produktionskomitees. Zwar gaben 39,6 % an, dafür bezahlt zu werden, jedoch sei diese Vergütung meist pauschal im Produktionsbudget enthalten.
Da dieses Budget bei vielen Studios nicht einmal die tatsächlichen Produktionskosten deckt, spricht die JFTC von einer faktisch unbezahlten Rechteübertragung.
Vor allem Freiberufler sind stark betroffen: Trotz des »Freelance Act« erhalten lediglich 38,9 % ihre Vertragskonditionen zu Projektbeginn schriftlich, 16,0 % sogar erst nach Beendigung der Arbeit. Kurzfristige Eilaufträge, unbezahlte Nachbesserungen und eine schleichende Ausweitung des Arbeitsumfangs seien weit verbreitet.
Zudem kritisiert die Behörde die zunehmende Bedeutung internationaler Streaming-Dienste. Zwar decken deren Buyout-Modelle häufig die reinen Produktionskosten, jedoch erhalten Studios keinen Anteil an späteren Erfolgen. Gleichzeitig würden Abrufzahlen und Nutzungsdaten oft nicht offengelegt, was faire Nachverhandlungen erheblich erschwert und ebenfalls als Machtmissbrauch gewertet werden könnte.
Es bleibt abzuwarten, ob sich früher oder später etwas an den Missständen der Anime-Branche ändern wird. Zumindest die JFTC hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und den Bericht an die Mitgliedsunternehmen in Produktionskomitees, Freiberuflerverbänden und anderen verbundenen Unternehmen weitergeleitet.
- Ausbeutung von Animatoren: Was hat sich bisher geändert?
- UN-Bericht kritisiert Ausbeutung in der Anime-Branche
- Filmverband appelliert nach Studie an japanische Regierung

Via JFTC
© Shirobako Partners

Es muss sich dringend was ändern, für die Leute die dort arbeiten, damit sie viele weitere tolle Werke veröffentlichen können
Viele weitere? Es sollten erstmal weniger Anime pro Jahr produziert werden. Wenn man sich mal anschaut wie viel auf den Markt gespült wird und wie diese Masse qualitativ aussieht, wird mir schwindelig.
Mir ist aber klar, dass das auch nicht alle Probleme löst. Ich schau aber lieber weniger Anime im Jahr, die aber dafür eine bessere Qualität aufweisen.
Manchmal ist weniger mehr.
Die Studios nehmen so viele Produktionen an gerade, weil sie über die Runden kommen müssen.
Das ganze System ist zum Scheitern verurteilt, nach wie vor muss die Regierung muss das ganze System ändern und gesetzliche Richtlinien zur Unterbindung der Ausbeuten etablieren.
Außerdem interpretiere ich Maurice Kommentar so, dass es sich nicht auf die Anzahl der Anime an sich per se bezogen wird, sondern auf die weite Zukunft bezogen.
Das überrascht mich nicht im gerringsten,hoffe diese Aktion schlägt jetzt große Wellen
Jetzt haben sie es also schriftlich – wortwörtlich. Veränderungen sind vonnöten – und das nicht erst seit gestern. Das Thema liegt ja schon lange offen, aber wird ja – anscheinend bewusst – ignoriert. Ob dieser Bericht nun helfen wird …
Und nicht an Regierungsstellen oder juristische Vertretungen? Da beschleicht mich das Gefühl, dass das einfach durch den Aktenvernichter läuft.
Japan hat nahezu immer konservative Regierungen. Und das alles was oben beschrieben wird ist Teil der japanischen Kultur und Arbeitsauffassung. Es ist fraglich, ob eine Regierung ihne entsprchenden Druck etwas ändern würde. Der Druck muss aus der Zivilgesellschaft kommen. Also passt das schon.
Besonders übel sind in meinen Augen die Fälle, bei denen erst nach Abschluss der Arbeiten ein Vertrag abgeschlossen wurde. Vielleicht sollen all diese ohne Vertrag einfach mal ihre Arbeit zurück fordern, denn ohne Vertrag hat das Studio auch kein Recht darauf, die Arbeitsleistung zu verwenden.
Weniger Proboematisch indes in meinen Augen die Sache mit dem Urheberrecht (wahrscheinlich ohnehin eher Copyright). Es ist sinnvoll, das hier in einer Hand zu bündeln, sonst ist eine Nachnutzung der Inhalte kaum möglich, weil man sonst jede beteiligte Person immer wieder bei der Neuverhandlung von Verträgen einbeziehen müsste. Und macht nur eine nicht mit, scheitert alles. Das Problem sind hier eher die hierarchischen Strukturen und der Abhängigkeit der Subunternehmer und Studios von den Produktionskomitees. Eigentlich sind die ja das Äquivalent des Filmproduznten in westlichen Produktionen und damit eine juristische Person. Die machen also schon Sinn. Aber mißbrauchen halt immer wieder ihre Macht. Läuft halt nicht immer wie bei »Shirobako« da oben im mitgelieferten Bild.
Einserseits prahlt die japanische Regierrung ständig damit, man wolle Anime fördern und zum globalen Aushängeschield Japans machen. Aber andererseits unternehmen die nie etwas gegen diese Probleme.
Ja, jetzt gibt es ein kurzes aufbrauschen und dann wird dieser Bericht wieder in die Schubladen gelegt. Es wird einfach weiter gemacht weil wie im Bericht genannt die Branche boomt und man möchte dass es so weiter läuft.
Die menschliche Gier kennt wirklich keine Grenzen… Man will sich eine goldene Nase auf Kosten der Lebensexistenz anderer verdienen, was absolut widerlich ist. Was soll das heißen, das Gehälter gekürzt oder verspätet ausgezahlt werden, etc.? Geht’s noch? In was für einer Welt leben wir hier?!
Kann mir aber bitte einer hier mal erklären, warum die Animationsstudios das alles mit sich machen lassen? Ich meine, Investor hin oder her, ohne einen ausgestrahlten Anime verdienen die doch nichts. Somit sind die auf die Studios angewiesen. Warum lassen sich die Studios also so erniedrigen?
Ich hatte es an anderen Stellen schon mal geschrieben: Das ist nicht nur bei Animestudios so, sondern die Normalität in kreativen/kulturellen Berufen auch hier bei uns.
Ach ja, fehlende Druckmittel kommen auch noch dazu. Was macht man, wenn man nur die Wahl zwischen schlecht bezahlten Aufträgen und gar keinen Aufträgen hat?
Wer wegen diesen Zuständen in den Streik tritt, hat keine Einkünfte. Außerdem stehen dann schon mehr als genug Konkurrenten bereit, denen es wirtschaftlich genau so schlecht geht und die jeden schlecht bezahlten Auftrag annehmen.
Warte mal, ich würde gerne wissen welche Streamingsienst das betrifft? Weil soweit ich weiß nur bei Crunchyroll ist es doch so, das je nachdem wie lange man den Anime guckt, das wird dann bezahlt an die Macher bzw Produktionkomitee? Oder nicht?