Netflix unter Druck: Rechtsgutachten warnt Synchronsprecher vor KI-Vertrag

Bereits seit einigen Wochen boykottieren deutsche Synchronsprecher den Streaming-Dienst Netflix aufgrund einer kontroversen neuen KI-Klausel – und erhalten dabei nun sogar Rückendeckung von einem Rechtsgutachten. Wir fassen zusammen.

Rechtliche Bedenken

Der Aufschrei in der Branche war groß, als mehrere Synchronsprecher berichteten, Netflix habe ihnen einen neuen Vertrag vorgelegt und die Unterzeichnung zur Bedingung für eine weitere Zusammenarbeit gemacht.

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In dem Vertrag sei eine KI-Regelung enthalten, die es dem VoD-Anbieter ermögliche, die Sprachaufnahmen der Synchronsprecher ohne weitere Vergütung zum Training einer künstlichen Intelligenz zu verwenden.

Inzwischen hat der Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS) nicht nur das umstrittene Schreiben teilweise geschwärzt veröffentlicht, sondern auch die Kanzlei Spirit Legal aus Deutschland mit der Erstellung eines juristischen Gutachtens beauftragt.

Juristisches Gutachten

In dem Gutachten wird den Synchronsprechern eindringlich davon abgeraten, den Vertrag zu unterzeichnen. Begründet wird dies mit den folgenden Punkten:

  • Urheberrecht und Persönlichkeitsrecht: Die Regelung zum KI-Training ist rechtlich unwirksam, da eine klar definierte Nutzungsart fehlt. Schutzklauseln für Stimmkopien und digitale Bearbeitung bieten in der Praxis kaum Schutz. Netflix erhält Rechte für 50 Jahre ohne zusätzliche Bezahlung.
  • Datenschutzrecht: Die Einwilligung zur Datenverarbeitung erfüllt die DSGVO nicht, da KI-Training nicht ausdrücklich als Zweck genannt wird. Sprecher können die Einwilligung nur insgesamt akzeptieren oder ablehnen. Einmal genutzte Stimmdaten sind kaum löschbar – das Widerrufsrecht bleibt praktisch wirkungslos.
  • Vertragsrecht: Mehrere Vertragsklauseln dürften einer AGB-Prüfung nicht standhalten, etwa der Verzicht auf zwingende Auskunftsrechte, der Ausschluss einstweiliger Maßnahmen und eine pauschale Vergütung. Eine Schiedsklausel verlegt Streitigkeiten in ein vertrauliches Verfahren ohne öffentliche Wirkung.

Das 19-seitige Dokument ist auf der Website des VDS zu finden. Nach Ansicht des Verbands würde eine Unterzeichnung des Vertrags den rechtlichen Rahmen für eine mögliche spätere Ersetzung der Synchronsprecher schaffen.

Immerhin hätten Netflix und Prime Video bereits Patente für Systeme angemeldet, die aus Audio- und Videodaten automatisch lippensynchrone Übersetzungen erstellen können – ganz ohne Synchronsprecher im Studio.

Brief von Netflix

Wie viele Synchronsprecher sich dem Boykott angeschlossen haben, ist bislang unklar. Offenbar ist der Druck aber groß genug, um Netflix zu einer Reaktion zu bewegen.

In einem Brief an die beteiligten Synchronsprecher, dessen Existenz Netflix gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bestätigte, teilte das Unternehmen mit, dass die geäußerten Sorgen auf einem Missverständnis basierten.

Man versichere, dass ohne ausdrückliche Einwilligung keine digitale Reproduktion und keine künstlich erzeugte Stimme auf Basis der erhobenen Daten erstellt werde.

Darüber hinaus machte Netflix darauf aufmerksam, dass ein fortgesetzter Boykott die Produktionszeiten sowie die Bereitschaft zu investieren negativ beeinflussen könne. Dies könnte dazu führen, dass neue Titel in Deutschland vorerst nur mit deutschen Untertiteln und ohne eine entsprechende Synchronfassung veröffentlicht würden.

Um eine Lösung für das Problem zu finden, habe man den VDS zu einem informellen Gespräch eingeladen, wie VDS-Vorsitzende Anna-Sophia Lumpe gegenüber dem Bayerischen Rundfunk bestätigte. Ein Termin ist bislang allerdings noch offen.

Mehr zum Thema:

Via VDS, Reuters, Bayrischer Rundfunk
© Saka Mikami, Kodansha / The Fragrant Flower Blooms With Dignity Production Committee

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Guts

Darüber hinaus machte Netflix darauf aufmerksam, dass ein fortgesetzter Boykott die Produktionszeiten sowie die Bereitschaft zu investieren negativ beeinflussen könne. Dies könnte dazu führen, dass neue Titel in Deutschland vorerst nur mit deutschen Untertiteln und ohne eine entsprechende Synchronfassung veröffentlicht würden.

Die lassen das so klingen, als wäre das ein Problem der Synchronsprecher, dabei ist es eines von Netflix, denn die Zuschauer wollen Synchros und keine Untertitel. Ich erinnere mich noch dunkel daran, wie in den Anfangszeiten von Netflix eine Führungsperson mal meinte, die dt. Zuschauer weg von Synchros hin zu Untertiteln erziehen zu können, weil das in anderen Ländern ja auch funktioniere. Hat aber offenkundig nicht geklappt, ganz im Gegenteil sogar, weltweit wird so viel synchronisiert wie noch nie und ausgerechnet Netflix hat dafür gesorgt xD

Ich

Ein Missverständnis, natürlich … Was für ein Geniestreich von Ausrede. Meine Hochachtung. Ich bin mir sicher, da hat man sich ordentlich auf die Schultern geklopft. Gibt bestimmt eine Gehaltserhöhuing dafür.

Was für ein Quatsch! Und dann noch das hier:

Darüber hinaus machte Netflix darauf aufmerksam, dass ein fortgesetzter Boykott die Produktionszeiten sowie die Bereitschaft zu investieren negativ beeinflussen könne. Dies könnte dazu führen, dass neue Titel in Deutschland vorerst nur mit deutschen Untertiteln und ohne eine entsprechende Synchronfassung veröffentlicht würden.

Das ist ja der Gipfel der Frechheit. Die Synchronleuten unter Druck setzen und die Schuld geben, dass es ja zu Verzögerungen kommen kann. ‚Ja, wir von Netflix können ja nichts dafür. Es sind ja die Sprecher, die nicht arbeiten wollen‘.

Meine Güte … da sieht man mal wie viel Respekt Netflix für die Branche übrig hat.

Juri-chan

Die haben vermuttlich für niemanden etwas übrig. Außer für sich selbst.

Das sind halt große Unternehmen.
Wenn es wunderbar für sie läuft, denken sie, sie können sich alles erlauben und hoffen darauf, die Leute werden das mit sich machen lassen.

Geld und Erfolg verdirbt nicht umsonst, oft den Charakter.

twxxle

Wenn ihr wollt und könnt, könnt ihr auf GoodCrowd für die Rechtskosten spenden. Hab ich auch schon gemacht :). Den Link findet man unter der Petition, auf der VDS-Webseite, oder wenn man auf GoodCrowd nach »Synchronstimmen« sucht. (Ka, ob ich den Link reinposten darf, deshalb lass ich’s lieber :p)

Yubikiri

Endlich regt sich mehr Widerstand. Finde ich gut was die Synchronsprecher machen.

Fall-Moon

Die Reaktion von Netflix ist bloßes Unternehmer-Geschwafel.

»Wir haben nicht vor dieses und jenes zu tun was euch so großen Sorgen bereitet, auch wenn dieser Vertrag uns alle Möglichkeiten dazu einräumt. Ist überhaupt nicht unsere Absicht, ja? Und jetzt unterschreibt endlich, weil wir hängen in der Produktion hinterher. Hop hop!«

Zum Kotzen für wie dumm sie die Leute halten.

Flynn

Der Brief von Netflix ist doch ein Witz. Die sollen den Mist einfach aus dem Vertrag wieder streichen

Sunblaster

Alles nur um die Renditen zu erhöhen. Für den Endverbraucher wird durch KI nichts billiger werden. Qualität wird sinken, Preise steigen. Das große (und einzige) Versprechen der KI ist, das sie teure Arbeitnehmer günstig ersetzen kann und dadurch die Profitmargen durch die Decke treibt. Auf dem Grabstein der Weltwirtschaft wird stehen „Alles zu bekommen, war Investoren zu wenig.“.

Muffin

Weiß jemand, ob die zweite Staffel der Realverfilmung von One Piece auf Netflix noch synchronisiert sein wird?

Wäre schade, dass aufgrund des Boykotts die deutsche Synchro nicht umgesetzt wird… 🙁 auch wenn ich den Boykott nachvollziehen kann.

Guts

Dürfte bereits fertig synchronisiert sein, kommt schließlich schon in 3 Wochen.

Anders sieht es bei der im April kommenden Animationsserie zu Stranger Things aus, dort hatten sämtliche Rollen im Trailer schon andere Sprecher. Kommentare unter dem Trailer sind demensprechend auch voll mit Beschwerden.

Nomaios

Ist halt die Zukunft. Briefe wurden durch Email ersetzt als Beispiel, Roboter in der Fertigung usw…. 🤔

KOLWE-X

Ich weiß was du meinst, aber ich würde das nicht so verallgemeinern. Klar, E-Mails und Roboter haben Arbeitsplätze gekostet, aber das hier ist was anderes. Bis eine KI Stimme so perfekt ist, dass sie sogar Emotionen rüber bringen kann, wird noch etliche Jahre dauern (wenn überhaupt).

Nomaios

Ja natürlich dauert es noch Jahre. Ich sag ja nicht das ich es gut finde.

Flynn

Aber will man das? Ich bin kein Synchronsprecher aber ich will auch keinem Roboter die Kunst überlassen.
Betrifft ja nicht nur die Sprecher. Auch bei Übersetzungen kannst du dich dann auf lieblose Wort für Wort Ergebnisse freuen wenn die ki das übernimmt. Sowas wie bei mob psycho gibt’s dann irgendwann nicht mehr wenn man sich nicht jetzt versucht gegen KI zu wehren.

Mango

Als wäre dafür ein Rechtsgutachten nötig gewesen. Die waren sich doch selber schon bewusst, dass das Unterschreiben eine lose/lose-Situation ist.

Kekskrümel

Ich bin irgendwie verwirrt. Wozu ein Gutachten erstellen? Wieso geht man nicht direkt rechtlich vor und erklärt den Vertrag für nichtig. Dann wird es sowieso überprüft. Für mich klingt das seltsam. Hat keiner der Synchronsprecher eine vernünftige Rechtschutzversicherung? Oder eine Gewerkschaftmitgliedschaft die bei sowas hilft?

Legdrasil

Ich kann jetzt nur vermuten, da ich nicht in der Branche arbeite und auch keine entsprechenden Kontakte habe, aber cemute stark, dass die meisten Synchronsprecher selbstständig sind. Wenn die dann noch zusätzlich von Auftrag zu Auftrag leben, wirf sich sowas kostspieliges wie eine Rechtsschutzversicherung eher weniger lohnen. Aber wie gesagt, das ist alles Spekulation.

Ich

Das Gutachten soll erklären, dass der Vertrag nicht in Ordnung ist. Der Vertrag kann ja nicht für nichtig erklärt werden, wenn noch gar kein Vertragsverhältnis vorliegt. Hier steht ja:

In dem Gutachten wird den Synchronsprechern eindringlich davon abgeraten, den Vertrag zu unterzeichnen.

Das soll also dazu dienen nicht auf den Vertrag einzugehen.

Oder eine Gewerkschaftmitgliedschaft die bei sowas hilft?

Das wurde ja von dem Sprecherverband in auftrag gegeben. Steht auch im Artikel:

Inzwischen hat der Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS) nicht nur das umstrittene Schreiben teilweise geschwärzt veröffentlicht, sondern auch die Kanzlei Spirit Legal aus Deutschland mit der Erstellung eines juristischen Gutachtens beauftragt.

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